...und dann kam Susi

 

Wer von Euch hatte das Leben mehr oder weniger geplant? Nun, ich hatte es geplant!

 

Nach Jahren des ständigen auf Bühnen und Theatern aufzutreten, wollte ich mir mit meiner kleinen Tanzschule einen kleinen Traum erfüllen. An Wochenenden immer zuhause zu sein, mehr Zeit mit der Familie verbringen und mich nur noch dem Unterricht widmen.

 

Hier und da einen Gastdozenten einladen, damit meine Schüler Frische, Stile und neue Techniken anderer Tänzer erlernen konnten.

 

Ich ging förmlich auf in meinem neuen Leben als Tanzdozentin und liebte es mein Können und meine Mentalität weiter zu geben. Es war zwar körperlich sehr anstrengend, doch ich bekam so viel positive Energie zurück, dass es mich ganz und gar erfüllte.

 

Ein kleines Stückchen Heimat, mitten in Karlsruhe... Es war jeden Tag ein Schmetterlingsgefühl ins Studio zu gehen.

 

 

 

Und dann kam Susi! Ja, ich nenne sie Susi. Sie drängte sich schleichend in mein Leben und nahm mir alles was mir Lieb und Teuer war.

 

Es begann mit einem Bandscheibenvorfall, an dem ich ziemlich lange zu knabbern hatte. Ich wurde konventionell behandelt und ging danach in REHA.

 

Es schien, ich konnte wieder in die Vollen gehen.

 

Doch irgendwie war alles nicht mehr so wie früher. Es traten Schmerzen zunächst nur in den Beinen auf, danach im unteren Rücken, dann in den Schultern, den Armen, der Kopf... Ehe ich mich versah, tat mir mein ganzer Körper weh... es war Susi! Sie schrie förmlich: „Mari hör auf mich!!! Mach langsam!“ Aber ich wollte nicht und dachte ich bekäme alles wieder in den Griff.

 

Dann folgte der nächste Bandscheibenvorfall, der diesmal um einiges schlimmer war. Ich hatte Taubheitsgefühle in meinem Bein und stolperte ständig. Nach einigen Untersuchungen, MRT`s und manueller Therapie bei verschiedenen Fachärzten, entschied ich mich doch für eine OP. An meiner felsenfeste Überzeugung, dass danach alles wieder gut ist, war nicht zu rütteln.

 

Nach der OP ging es wieder zur manuellen Therapie und in REHA, doch Susi war immer bei mir. Sie hatte sich an mich wie eine Klette geklammert. Zudem hatte sie zusätzliche Beschwerden, die ich hier nicht alle erläutern möchte, im Schlepptau.

 

Ich wurde, so sagt man doch, von Pontius zu Pilatus geschickt. Ein Facharzt nach dem Anderen, keiner konnte etwas organisches feststellen. Ja, Susi tat ganze Arbeit nicht entdeckt zu werden.

 

Nachdem ja alles „in Ordnung“ war, keine entzündlichen Faktoren gefunden wurden und ich völlig „gesund“ sei, kam mein Hausarzt auf die Idee: Es könnte ja Fibromyalgie sein! Und überwies mich in die Fachklinik zur Untersuchung.

 

Es wurde tatsächlich Fibro diagnostiziert. Nun hatte Susi auch einen Nachnamen. Jetzt verstand ich was mit mir los war, und wusste, die Schmerzen habe ich mir nicht eingebildet! Dennoch habe ich Susi ignoriert und wollte sie keinesfalls bei mir haben! Ich glaube niemand möchte Susi bei sich haben!

 

Sie ist sehr anhänglich, macht sich ständig durch irgendwelche Schmerzen an verschiedenen Stellen des Körpers bemerkbar. Will ständig im Mittelpunkt sein. Sie lässt dich nachts nicht schlafen, hält dich wach und wenn es dir gelingt vor Erschöpfung doch noch einzuschlafen, denkst du am nächsten Morgen, es wäre ein LKW über dich gefahren.

 

Wenn es ja nur ein Tag oder eine Nacht wäre, dann könnte man es ja mehr oder weniger aushalten. Leider sind es zumeist Wochen... und wenn man Pech hat, Monate.

 

Susi hat von jetzt auf nachher dein Leben voll im Griff. Sie bestimmt wann du ausgehen kannst, wann du deiner Arbeit nachgehen kannst, ja, selbst wann du deinen Haushalt machen kannst... All das bestimmt Susi. Irgendwann bist du so genervt, fühlst dich in deinem Leben limitiert und negativ eingestellt, dass sich dann auch noch eine Depression dazu gesellt. Jetzt war ich nur noch ein Häufchen Elend!!!

 

Mein Studio musste ich schließen, weil ich nicht mehr in der Lage war mich körperlich zu betätigen, ohne dass ich mit Schmerzmitteln voll gepumpt war. Zudem war das Erwachen danach eine Katastrophe!

 

Dennoch, so Dickköpfig wie ich bin, hielt ich noch Monate daran fest. Ich hatte mir eine Maske aufgesetzt und ging meiner Verpflichtung nach.

 

Ging zur Therapie und verstand irgendwann, dass Susi jetzt immer bei mir ist und lernte sie zu akzeptieren. Die bitterste Erkenntnis war allerdings, mein Tanzstudio aufgeben zu müssen.

 

Noch heute bin ich meinen ehemaligen Schülern so dankbar für die wunderschöne Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte und vermisse sie alle sehr.

 

Zum Abschied bekam ich die schönsten Postkarten, Briefe, Bilder und sonstige Geschenke, die mir alle im Herzen liegen. Unter Anderem sagte eine meiner Schülerinnen zu mir: Jeder Mensch hat Talente, die er nutzen sollte! Diese Wörter kreisten immer in meinem Kopf... Ich musste also meine anderen Talente, die mir in die Wiege gelegt worden waren erst noch finden!

 

Nach Monaten bekam ich einen Platz in der Fachklinik mit etlichen Therapie Angeboten und fand dadurch ein bisschen Frieden in mir.

 

Trotzdem hatte ich immer das Gefühl ich muss was tun, wusste aber nicht was. Nichts erfüllte mich so, wie das Tanzen an sich.

 

Meine Aufgabe war, eine Tätigkeit zu finden, die sich mit meinen Talenten vereinbaren lässt und mir hilft Susi ein bisschen zu verdrängen!

 

 

 

Mittlerweile war ich stolze Oma geworden!

 

Irgendwann begann ich kleine Baby-Sandaletten und Baby-Sachen für meine Enkelin zu häkeln und bekam regen Beifall.

 

Angefangen zu häkeln habe ich schon mit 6 Jahren. Eine alte Dame im Bekanntenkreis meiner Eltern hatte mich damit infiziert. Als ich von meinem 1. Kind schwanger war, häkelte ich verschiedene Baby-Sachen, da hatte ich Zeit hatte und die Vorfreude auf das Ungeborene so groß war! Auch meiner Tochter hatte ich unzählige Kleidungsstücke gehäkelt - dieses Talent hatte ich irgendwie verdrängt!

 

 

 

Meine Enkelin war gerade mal 1 Jahr alt, als sie mich bat einen Armband zu häkeln. Als ich das Ergebnis sah, war ich total begeistert! Also fing ich an mich im Netz nach gehäkeltem Schmuck umzuschauen. Es gab vieles neu zu entdecken. Gleich fing ich an mich an Schmuckstücken auszuprobieren und es gelang mir recht schnell diese fertig zu stellen.

 

 

 

Auf ein Mal machte es Päääng!

 

Der Satz meiner ehemaligen Schülerin kam mir ins Gedächtnis!

 

 

 

„Jeder Mensch hat Talente, die er nutzen sollte!“

 

 

 

Ich begann mein Talent auszuarbeiten und es gelang mir gehäkelten Modeschmuck herzustellen, der einen Hauch Flamenco mit sich trug. Ja heute kann ich behaupten, dass sich meine Schmuckstücke in Form und Gestaltung von anderen abgrenzen.

 

Auch wenn Susi mich begleitet und mich manchmal zur Verzweiflung bringt, kann ich heute sagen, dass es mir manchmal, und immer öfter gelingt Susi zu verdrängen, klar gibt es Tage, an denen gar nichts – nada – niente geht!!!

 

Und trotzdem, auf gewisser Art und Weise bin ich ihr zum Dank verpflichtet... denn ohne Susi würde ich nicht das machen, was ich heute mit Herzblut mache.

 

 

 

Vielleicht kann ich damit der ein oder anderen, die auch mit einer chronischen Schmerzerkrankung zu tun haben, auf eine gute Strategie bringen, diesem Teufelskreis ein bisschen zu entkommen.

Findet heraus was Eure Begabung, Talente oder was Euch besonders viel Spaß macht. Vielleicht habt Ihr auch so die Möglichkeit diesem Inferno die Stirn zu bieten.

 

Schreibt mir gerne was und welche Erfahrungen ihr mit Fibro gemacht habt, wie es euch gelingt ihr zu entwischen oder wie euch mein Blog gefällt.

 

 

 

Fühlt Euch gedrückt

 

 

 

Eure Mari

 

 

 

 

 

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